02.06.2017
Zweitwohnsitz Krankenhaus

Abgeordnete Gabi Schmidt trommelt für Organspendeausweise

Kerstin Flory aus Uehlfeld wurde schon mit Fehlbildungen geboren. Sie sagt selbst von sich, im Krankenhaus aufgewachsen zu sein. Und als hätte es das Schicksal ohnehin nicht schon gut mit ihr gemeint, wurde später ein Nierenleiden diagnostiziert. Seit mittlerweile sieben Jahren wartet sie auf eine Spenderniere, inzwischen ist sie auf Platz eins der Warteliste. Doch bevor der Eingriff durchgeführt werden kann, muss vieles stimmen: die Patientin muss immer erreichbar und darf am Tag des Eingriffs nicht krank sein. Die Spenderniere muss zur Patientin passen. Schon öfters stand Flory kurz vor einer Transplantation, die dann doch nicht durchgeführt werden konnte.   

So wie ihr geht es vielen Menschen in Deutschland. Noch immer stehen in unserem Land über 10.000 Menschen auf den Wartelisten für ein Spenderorgan. Viele warten viele Jahre lang – für viele kommt aber auch jede Hilfe zu spät. Dabei kann jeder Einzelne etwas tun: Seit November 2012 gilt in Deutschland für die Organspende die sogenannte Entscheidungslösung. Sie sieht vor, dass jeder Mensch ab 16 Jahren sich mit dem Thema Organspende auseinandersetzen und eine selbstbestimmte Entscheidung treffen sollte. Traditionell wird daran am ersten Samstag im Juni mit dem „Tag der Organspende“ erinnert.

Um dieses Thema auch in Mittelfranken stärken ins Bewusstsein zu rücken, hat die Landtagsabgeordnete Gabi Schmidt anlässlich des Gedenktages Betroffene und Unterstützer in Neustadt/Aisch zusammengebracht. Gemeinsam mit dem bekannten Comedian und Radiomoderator Chris Boettcher wurden Wartende, Spender und Transplantierte an einem Tisch versammelt. „Ich will den Menschen hinter dem Schicksal ein Gesicht geben und Raum bieten, damit sie ihre Geschichte erzählen können. Besonders beeindruckend war die Tatsache, dass sich alle Betroffenen vor ihrer Erkrankung ebenfalls keine Gedanken über Organspende gemacht haben. Jetzt sind die Transplantierten froh, dass sich andere zur Spende entschieden haben, während die Wartenden froh wären über mehr Spenderbereitschaft“, fasst Schmidt Erkenntnisse des Gesprächs zusammen.

Dabei gibt es in Bayern einen klaren Trend zu weniger Spendenbereitschaft. So nahm die Anzahl der Organspender im Freistaat von 189 im Jahr 2011 auf nur noch 121 in 2016 ab. Im gleichen Zeitraum sank die Anzahl der postmortal gespendeten Organe von 628 auf nur noch 382, die Anzahl der transplantierten Patienten von 723 auf 518.  Ende 2016 waren an bayerischen Transplantationszentren 1.473 Patienten auf der Warteliste, wobei die Mehrzahl länger als zwei Jahre Wartezeit erdulden muss.

Eine der Wartenden ist Birgit Sauerstein. Schon seit zehn Jahren benötigt sie eine neue Leber, seit vier Jahren wird auch eine neue Niere gebraucht. Sauerstein ist eine starke Frau, die trotz der Strapazen ihren Humor nicht verloren hat: „Ich habe im Krankenhaus sozusagen meinen Zweitwohnsitz. Dabei ist die Dialyse eigentlich das kleinere Übel.“ Schlimmer sind die Folgeerkrankungen, die inzwischen 25 Bauchoperationen notwendig gemacht hätten. Auch die Familie leidet sehr unter der Situation: „Meine Kinder sind noch zu jung, um meine Krankheit zu verstehen und leiden unter permanenter Todesangst. Wir sind deshalb in engem Kontakt zum Kinderpsychologen.“ Eine Situation, die Anita Flechtner gut kennt. Diabetes war der Auslöser ihrer Leidensgeschichte, die zu einer neuen Niere und einer neuen Bauchspeicheldrüse führte. Sie betont die Bedeutung der psychologischen Betreuung während der langen Leidenszeit. Bei Roland Stuhl und Friedrich Meyer sah die Sache anders aus. Sie wurden als Notfall in die Klinik eingeliefert und erhielten sofort ein gesundes Organ. „Wir sind nur am Leben, weil jeweils zufällig die passende Leber verfügbar war. Auch sind wir unendlich dankbar, dass unsere Körper die neuen Organe angenommen haben.“

Bei der Platzierung auf der Warteliste geht es vor allem nach der Funktionsfähigkeit des eigenen Organs. Je schlechter es einem geht, desto schneller steigt man in der Liste auf. Das ist auch ein Grund für die häufig sehr langen Wartezeiten. Auch Kathrin Piller ertrug neun Jahre lang die Dialyse, bevor sich ihr Ehemann ein Herz nahm und ihr seine Niere spendete. Der Lebendspender bereut seine Entscheidung nicht: „Ich habe es gut verkraftet und für meine Ehefrau war es ein enormer Gewinn an Lebensqualität. Heute gehen wir wieder gerne gemeinsam radeln und verbringen dabei schon mal 70 Kilometer am Tag im Sattel.“ 

Wie die Situation verbessert werden kann? „Ich bin dafür, die Entscheidungslösung durch die Widerspruchslösung zu ersetzen, wie sie auch in Österreich gilt“, meint Gabi Schmidt. Dabei ist die Organentnahme zu Transplantationszwecken rechtlich dann zulässig, wenn der Verstorbene ihr zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Auch darum hat die Alpenrepublik eine doppelt so hohe Organspenderrate wie Deutschland. Und wenn die Politik sich weiterhin weigert, diesen Weg einzuschlagen? „Dann brauchen wir mehr Aufklärung“, so die einhellige Meinung der Gesprächsteilnehmer. Die Bandbreite der Vorschläge reicht dabei von einer Verankerung im Stundenplan der Schule bis hin zu Informationen während der Fahrschule. Auch erhofft man sich mehr Unterstützung von Personen in der Öffentlichkeit. Eine Anregung, die Schmidt umgehend aufgreift: „Ich werde ab sofort immer Organspendeausweise einstecken haben und darüber hinaus Verteilaktionen starten.“ Auch Chris Boettcher, der jüngst an einer Aufklärungsaktion des Bayerischen Gesundheitsministeriums teilnahm, möchte verstärkt für die Sache werben: „Es gibt keinen besseren Weg, sich unsterblich zu machen. Darum statt nach mir die Sintflut lieber Nach mir das Leben“.

Bevor Boettcher begann, sich so intensiv mit der Thematik zu beschäftigen, stand die Bekanntschaft mit Kerstin Flory. Sie hätte ihn mal bei einem seiner Auftritte angesprochen. So oft es ihre Verfassung zulässt, besucht Flory Kabarettvorstellungen und genießt die guten Momente. Sie hat trotz ihrer langen Leidensgeschichte den Spaß am Leben nicht verloren. Aufgeben kommt für sie deshalb nicht in Frage, und so wird sie weiter warten. Warten, bis eines Tages der ersehnte Anruf der Klinik kommt. Bis dahin wird sie weiterkämpfen.